Moritz Majce + Sandra Man

Choros III (Koroška)

Ausstellung | Exposition | 2017
Choros III (Koroška) im Kunstraum Lakeside in Klagenfurt/Celovec, 8.9.–6.10.2017 | Choros III (Koroška) at Kunstraum Lakeside in Klagenfurt/Celovec, 8.9.–6.10.2017

Im Sommer 2017 arbeiteten wir zusammen mit der Sängerin und Performerin Christine Börsch-Supan mehrere Wochen im Freien, in den Bergen, den Hohen Tauern in Kärnten/ Koroška. Wir setzten unsere künstlerische Forschung zu Stimme, Raum und Bewegung fort, mit der Absicht, erstmals nur draußen, in der Landschaft zu arbeiten und deren akustische, visuelle und choreographische Möglichkeiten kennenzulernen. Das Ergebnis unserer Arbeit zeigten wir von 8.9. bis 6.10.2017 als Video- und Soundinstallation im Kunstraum Lakeside in Klagenfurt/Celovec, kuratiert von Nora Leitgeb.

Der Sommer 2017 war charakterisiert von klimawandelbedingten Wetterextremen, der Süden Europas verbrannte in der Sonne, während der Norden im Regen ertrank. Unsere künstleri­schen Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur stellen sich auch aus den massi­ven klimatischen Transformationen heraus, denen unser Lebensraum ausgesetzt ist.

Choros

Seit einigen Jahren beschäftigt uns in unserer künstlerischen Arbeit der Raum und im Laufe der Zeit haben wir begonnen, Raum und Bewegung zusammen zu denken. Bewegung als eine Art »Räumen« – Einräumen, sich Raum geben und Raum schaffen – hat uns zum antiken Chor geführt, z.B. in den künstlerischen Forschungsprojekten Choros I + II, und dieser wiederum zur Landschaft. Der antike Chor vor dem Beginn des Theaters war ein singender und tanzender Chor, der keine fixe, architektonisch vorgegebene Bühne hatte, sondern im Freien auftrat. Er bereitete sich seine Bühne durch sein Tun; zuerst einfach, indem er im Reigentanz eine Kreisfläche in den Erdboden stampfte. »Choros« ist der Name für diesen antiken Chor, den Reigen und den Ort, an dem er tanzte. Diese Gleichzeitigkeit von Bewe­gung und Ort interessiert uns: Es gibt Choros als Tanzplatz nicht vor dem Chor, es gibt die Bühne nicht vor dem Tun. Wir suchen Weisen, in denen das, was geschieht und wo es ge­schieht, gleichzeitig entsteht und miteinander einhergeht.

Intimität der Weite

Die Landschaft als offener Raum, Ort des Zusammenwirkens von Elementen und Kräften, nicht primär von Menschen gemacht und bewohnt, eine von geologischen Dauern und Umwelteinflüssen abhängige, ausgesetzte und unberechenbare Umgebung. – Wir haben uns in unserer Arbeit im Freien auf dieses Offene der Landschaft eingelassen. Weder sind wir in den Bergen gewandert, um einen Gipfel zu erreichen, noch ging es uns um die Landschaft als Kulisse. Wir sind immer wieder an dieselben wenigen Stellen gegangen und wir sind sehr lange dort geblieben. Ohne dass wir es vorher gewusst oder geplant hätten, waren es schließlich Hochböden, die uns am meisten anzogen. Das sind flache Stellen, die sich nach steilen Hängen und vor felsigen Wänden – also mitten in der die Berge dominierenden Vertikalität – in die Horizontale öffnen. Hier bestimmen nicht so sehr Höhe und Tiefe und mit ihr verbunden Überwindung und Abgrund die Landschaft und ihre Affekte, sondern Weite. Auf diesen Hochebenen haben wir immer wieder viele Stunden verbracht, uns aufgehalten und Licht, Luft, Untergrund, Geräusche auf uns wirken lassen. Mit und aus diesen Elementen haben wir Körperbewegungen und Weisen des Sprechens und Tönens gefunden. Wir haben mit der Landschaft, der Beschaffenheit der Umgebung gearbeitet, uns für sie durchlässig gemacht, aber nicht mit der Absicht, mit ihr zu verschmelzen. Christines Bewegungen und ihre Stimme stehen heraus aus der Landschaft und sind zugleich in sie eingelassen. Was geschieht, ist kein Einswerden, sondern eine Zuneigung. Im langen Verweilen an einem Ort und dem körperlichen, sinnlichen Sich-öffnen auf die Landschaft, im Spüren ihrer Elemente – im Mittönen mit einem Windhauch, im Tanzen auf den Grashalmen und im Gehen auf den Steinen im Bach – entsteht eine Intensität, die sich einem ganz bestimmten Verhältnis von Nähe und Weite verdankt: Im menschlichen Körper, der mit der Luft tönt, den Stein spürt, sich im Gras wälzt, kommt sich die Weite ganz nahe.

Atmender Blick

Wir haben uns lange an Stellen im Gebirge aufgehalten, die für sich genommen kein Ziel sind, und die abgelegen sind, auf wenig begangenen Routen; Stellen, durch die man, wenn überhaupt, nur durchwandert, wenn man unterwegs ist zu einem Gipfel oder einer Hütte. Wir haben an diesen Orten die Umgebung hörend, sehend, spürend wahrgenommen und uns intensiv mit dem Verhältnis des menschlichen Körpers zu dieser Umgebung beschäftigt. In mehrfachem Sinn sind dabei »Aufnahmen« entstanden: der Körper, der die Landschaft aufnimmt, indem er in ihr verweilt und sich mit und in ihr bewegt; und Ton- und Videoauf­nahmen dieser Stimm- und Körperbewegungen.

Die Videoaufnahmen stehen in Bezug zur Landschaftsmalerei, wenn es bei dieser darum geht, Landschaft erst auf bestimmte Weise ins Bild zu setzen und sehen zu lassen; also nicht Abbild von etwas zu sein, sondern eine Sicht hervorzubringen, die zum Gesehenen dazu­gehört. Die Videos sind so gefilmt, dass der sie aufnehmende Blick körperlich mit da ist, er sieht mit, er atmet mit; als ZuschauerIn sieht man in der Bildbewegung das Atmen, den Puls, das Gewicht des filmenden Körpers, die Schwerkraft, die auf ihn wirkt. Und auch im Bildraum selbst organisiert sich alles um den Bezug von Ruhe und Bewegung; man sieht eine Vertei­lung von Unbewegtem und Bewegtem, die den menschlichen Körper und die Umgebung aus Licht, Wind, Wasser, Wolken aufeinander bezieht und alle Elemente durchzieht: Manchmal ist der Körper ganz still und lässt so den Verlauf von Wasser, Sonne, Wolken hervortreten und sichtbar werden, manchmal fügt sich der Bewegungsrhythmus des Körpers in den des Lichts, des Winds oder des Bachs. So atmet jedes Bild selbst als ganzes und in jedem Bild sieht man ein Zusammenspiel verschiedener Rhythmen; je länger man schaut, je mehr man sich in die Bilder versenkt, desto mehr, vielfältiger und feiner werden die verschiedenen aufeinander bezogenen Elementarbewegungen.

Hörende Stimme

Die Stimme bewegt sich mit dem Wasser, dem Wind, dem Surren der Insekten, sie ist eine weitere Tonspur, die sich in die Umgebung einfügt. Mit diesem Einfügen macht sie sich selbst und die anderen Töne hörbar, sie ist nicht der Vordergrund zu Geräuschen im Hintergrund, sondern im Mittönen mit dem Bach und der Luft tritt das Zusammenspiel hervor. Wie bei den Körperbewegungen und manchmal auch gleichzeitig mit ihnen geht es auch bei der Stimme um eine Teilnahme an den elementaren Bewegungen und Geräuschen der Landschaft. Um ein tönendes, vibrierendes Mitatmen mit der Luft und den Lauten, die einerseits schon da sind und die man vorfindet, wenn man hinausgeht ins Freie, die aber zugleich auch erst auftreten und erscheinen, wenn sie zum Tönen der Stimme dazukommen. Christines Stimme nimmt die Landschaft auf, sie klingt aus dem Hören heraus, setzt ein in das, was sie hört, bringt das Gehörte in die eigene Stimme. Aus den Aufnahmen dieses hörenden Mitschwin­gens entsteht die Klangumgebung für die Zuhörenden.

Freies Schreiben

Die in Choros III (Koroška) gesprochenen Texte stammen aus einem Zyklus mit dem Titel Ins Freie und sind Naturlyrik. Sie beschreiben einen Raum, in dem ein Körper ein anderer wird, noch einmal ausgetragen, immer wieder, vom Boden, von der Erde, vom Weltraum. Sie sprechen von diesem Raum als einem freien. Die Texte wollen von diesem Freien schreiben und von diesem Freien her schreiben, sie wollen (sich) frei schreiben und ein Freies schreiben. Sie versuchen eine Umkehr, die dem gleicht, worum es auch bei den Bewegungen, den Bildern und der Stimme geht: Immer weniger von sich her, von einem selbst aus etwas tun, als von woanders her – der Landschaft, der Umgebung, der Natur – aufnehmen und in Bewegung versetzt werden. Nicht nur als Befreiungsrichtung ins Freie hinaus wollen, sondern sich auch vom Freien angehen und im Freien berühren, verändern lassen. Im lyrischen Schreiben ist dieses Freie nicht nur ein Motiv oder Thema, sondern auch und vor allem eine Bewegung – die des Rhythmus’ und des Klangs der Sprache. Im Klingen der Worte und ihrem Fluss hört man auch ein Freisein von ihrem sonstigen Nutzen, von Information oder Kommunikation.

In the summer of 2017, we worked with the singer and performer Christine Börsch-Supan for several weeks outdoors, in the mountains, in the Upper Tauern in Carinthia/Koroška. We continued our artistic research into voice, space and movement, with the intention of first of all only working outside, in the landscape and to explore its acoustic, visual and choreographic possibilities. The results of our work were shown from September 8th to October 6th, 2017 as a video and sound installation in the Kunstraum in Klagenfurt/Celovec, curated by Nora Leitgeb.

The summer of 2017 was characterised by weather extremes caused by climate change, southern Europe baked in the sun, while the north drowned in rain. Our artistic questions about the relationship between humans and nature also arise from the huge climatic transformations our environment is facing.

Choros

For a few years, we’ve been exploring space in our artistic work and with time we began to think about space and movement together. Movement as a type of “clearing” – allowing, giving oneself space and creating space – led us to the ancient Greek chorus, e.g. in the artistic research projects Choros I + II, and this in turn brought us to landscape. The ancient Greek chorus before the beginning of theatre was a singing and dancing chorus, which had no fixed, architectural predefined stage, but rather appeared in the open air. It created a stage through its actions; at first simple, by stamping a circle into the ground in a round dance. “Choros” is the name for the ancient chorus, the rounds and the place in which it danced. This simultaneity of movement and place interested us: the chorus as the space of the dance does not exist prior to the chorus, the stage does not exist before the action. We looked for ways in which what happened and where it happened occurred simultaneously and accompanied each other.

Intimacy of the vast

The landscape as an open space, a place where elements and forces work together, not primarily made and inhabited by human beings, an unpredictable, exposed landscape dependent on geological time periods and environmental influences. – In our work outdoors, we surrendered to this openness of the landscape. We neither went hiking in the mountains to reach the peak, nor were we interested in the landscape as scenery. We kept returning to the same spots and stayed for a long time there. Without knowing or planning it beforehand, it was the higher ground that attracted us the most. These are flat spots that open up horizontally after steep slopes or rocky cliffs – so in the middle of the verticality that dominates the mountains. Here it is less the highs and lows and the peaks and troughs that characterise the landscape and its affects, but rather breadth, vastness. We frequently spent many hours on these high plateaus, lingering and allowing the light, air, underground, sounds to have their effect on us. With and from these elements, we developed body movements and ways of speaking and intonating. We worked with the landscape, the composition of the surroundings, made it permeable to us, but not with the intention of merging with it. Christine’s movement and her voice stand out from the landscape and at the same time are inserted into it. What happens is not becoming one with the landscape, but affection. By spending a long time in a place and allowing the physical, sensual self to open to it, by tracing its elements – intoning with the gentle breeze, dancing on the blades of grass and walking on the stones in the stream – an intensity is created that is owed to a very specific relationship between proximity and distance: in the human body, which intonates with the air, feels the stone, rolls in the grass, the distance comes very close.

Breathing gaze

We lingered a long time in places in the mountains that are in themselves not a destination, and which are out of the way, on rarely used routes; places through which you only wander through, if at all, on your way to a peak or a hut. In these places, we perceived the surroundings by hearing, seeing, feeling and occupied ourselves intensely with the relationship of the human body to this environment. In more than one sense, “recordings” were created from this: the body taking in the landscape by lingering in it and moving with and in it; and sound and video recordings of these voice and physical movements.

The video recordings are linked to landscape painting, in which the aim of the painting is to allow a landscape to be seen; so not as an image in imitation, but rather to provoke a certain sight, which is part of what is being seen. The videos are filmed so that the gaze that records them is physically present too, it sees too, it breathes too; the person watching the video can the breathing, pulse, the weight of the filming body in the movement of the picture, the gravity that affects it. And in the space of the image itself, everything is organised around the relationship between rest and movement; you see a distribution of the unmoved and the moved. which links the human bodies to the environment of light, wind, water, clouds and permeates all the elements: sometimes the body is very still, thus allowing the shifting paths of water, sunlight, clouds to fall into focus and becomes visible, sometimes the rhythm of the body’s movement moves in time with the light, the wind or the stream. Every image therefore breathes itself as a whole and in each image, the interplay of various rhythms can be seen; the more you look, the more you sink into the images, the more varied and subtle the different movements of the elements linked to each other become.

Listening voice

The voice moves with the water, the wind, the buzzing of the insects; it is another sound track that inserts itself into the environment. By inserting itself, it makes itself and the other sounds audible, it is not the foreground to sounds in the background, but rather by mingling with the sounds of the stream and the air, the interplay becomes the focus. Just like with the physical movements, and sometimes in time with them, with the voice it is also about participating in the elementary movements and sounds of the landscape. Around a sonorous, vibrating breathing with the air and the sounds that, on the one hand are already there and which you find when you go out into the outdoors, but also only enter and appear when they are coupled with the sounds of a voice. Christine’s voice takes in the landscape, it comes from listening, begins in what she hears, brings what she hears into her own voice. From the recording of this listening vibrating with the landscape, the soundscape is created for the listeners.

Open writing

The texts spoken in Choros III (Koroška) come from a cycle called Into the Open and are nature poems. They describe a space where a body becomes another, once again birthed, over and over, from the ground, from the earth, from outer space. They speak of this space as an open space. The texts seeks to write from this open space and out of this open space, they want to write (themselves) open and an open writing. They attempt a reversal similar to that which takes place in the movements, images and the voice: to do less and less from itself, from the self, than to take in and be set in motion from elsewhere – the landscape, the environment, nature. Not only wanting to go out into the open in the direction of liberation, but also to approach oneself from the open and allow oneself to be touched, changed in the open. In the lyrical poetry, this openness is not just a motif or a theme, but also and above all a movement – that of the rhythm and the sound of language. In the sounds of the words and their flow, a being freed, opened from their usual uses is heard, a liberation from information or communication.

Idee und Umsetzung | Idea and Realisation Stimme und Bewegung | Voice and Movement Produktion | Production Kuratorin | Curator
Moritz Majce + Sandra Man Christine Börsch-Supan Katharina Wallisch Nora Leitgeb
Wir bedanken uns bei Lakeside Labs GmbH für die großzügige Unterstützung bei den Videoaufnahmen mit einer Drohne und bei Franz Habich für die Steuerung, sowie bei der Agrargemeinschaft Nachbarschaft Söbriach für den freundlichen Zugang zu einer ihrer Almen.

Übersetzung: Anna Galt
Choros III (Koroška) was shown from 8.9.–6.10.2017 at Kunstraum Lakeside in Klagenfurt/Celovec.