Moritz Majce + Sandra Man

Narkosis

Raumchoreographie | Space Choreography | 2017
Narkosis auf dem Open Spaces Festival in Berlin, 2.-5.11.2017 | Narkosis at Open Spaces Festival in Berlin, 2.-5.11.2017.

Narkosis ist die Stelle, an der sich das Auge in seine Höhle dreht. An der ich anders zu sehen beginne. Ein Schauen, das in mir etwas anderes öffnet, ein neuer Raum entsteht. Ein Weltraum aus Körperhöhlen, in sich verschlungenes Innen und Außen, leuchtendes Echo eines künstlichen, ursprünglichen Schlafs. In jedem Ich scheint seine Stille, in jedem Blick spiegelt sich Trunkenheit. Im Halbdunkel zwischen Bildern und Körpern, Hören und Sehen, zwischen mir selbst und den anderen schwebt Narkosis als Raum und als Zustand.

In drei Choreographien verändert sich der Zuschauerraum, Blicke sind der Stoff seiner Verwandlung. Die Arbeit hat ihren Ausgang im Mythos von Narziss und Echo aus den Metamorphosen von Ovid: Narziss blickt in die Quelle und verliebt sich in sein Spiegelbild. Wie schaut er dabei? Welchen Blick hat er? Was passiert in diesem Sehen? – Narziss ist verliebt. Er versinkt ins Schauen, er geht auf im Anblick, er macht nichts anderes außer zu sehen, er schaut ganz genau, jedes Detail im Bild zieht ihn an. Er vergeht in diesem Anblick, er verliert und vergisst sich darin. Sein verliebter, begehrender Blick ist selbstvergessen, er weiß nicht, wen er sieht, er sieht nur. Es ist ein reiner, trunkener Akt des Sehens, Begehren, das im Schauen liegt, die Anziehung greifbar im Sehstrahl. Er sieht und sieht sich nicht. Auch Echo ist verliebt und schaut. Ganz Antwort ohne Anfang wartet sie hörend auf ein erstes Wort von Narziss und schaut ihn an, schaut ihm die ganze Zeit zu, kommt ihm sehend nahe. Nachdem er sie zurückgewiesen hat, verliert sie ihr Gesicht, verwandelt sich aus Scham in eine Höhle, ganz Stimme ohne Körper; Klang ohne Anblick, wird sie überall gehört, aber nicht mehr gesehen.

Narziss und Echo sind Zuschauernamen: selbstvergessenes Versinken, Aufgehen, sich Überlassen, verliebte Hingabe, alles umfassendes Sehen. Von oben betrachtet findet Narkosis in einem Auge statt. Von der Seite spiegelt es sich in zwei Projektionsflächen. Im Zentrum kreist es um sich selbst. Im Zuschauerraum schaut es sich an. In Narkosis sind Blicke wie Drogen. Nehme ich sie, bin ich Teil einer allgemeinen Sehbewegung. Ich verwandle mich in eine Zuschauende. Ich kann mit dem ganzen Körper ins Schauen sinken, mich heranzoomen, meine Blicke ruhen, schweifen, gleiten, mich anschauen lassen und die Augen schließen, hören, innere Bilder sehen. Mein eigenes Sehen sehen.

Narkosis is the place where the eye turns in its socket. Where I begin to see differently. A seeing that opens up something different to me, a new space is created. A space of orifices, inside and outside swallowed into themselves, the glowing echo of an artificial, original sleep. Its stillness shines in every I, oblivion reflected in every gaze. In the half-darkness between images and bodies, hearing and seeing, between my self and the other, Narkosis hovers as a space and a state.

The auditorium changes in three choreographies, gazes are the material of its transformation. The starting-point for this piece is the myth of Narcissus and Echo from Ovid’s Metamorphoses: Narcissus looks into the stream and falls in love with his reflection. How does he look as he does? Which is his gaze? What happens in this seeing? – Narcissus is in love. He submerges himself in looking, he becomes absorbed in the sight, he does nothing but see, he looks very closely, every detail of the image attracts him. He dissolves in this sight, he loses and forgets himself in it. He forgets himself in his erotic, desiring gaze, he does not know who he is seeing, he only sees. It’s a pure, drunken act of seeing, a desire that is located in looking, the attraction palpable in the visual line. He sees and also does not see. Echo too is in love and looks. Nothing but an answer, she waits listening for a first word from Narcissus and watches him, watches him the whole time, approaches him seeing. After he rejects her, she loses her face, transforms herself into cave out of shame, nothing but a voice without a body, sound without sight, she is heard everywhere, but no longer seen.

Narcissus and Echo are audience names: oblivious submergence, absorption, relinquishing oneself, sensual devotion, all-encompassing seeing. Observed from above, Narkosis takes place in an eye. From the side it is reflected on two screens. In the centre it revolves around itself. In the auditorium it watches itself. In Narkosis, the gaze is like a drug. If I take it, I’m part of a general movement of seeing. I turn into a spectator. I can submerge my entire body in seeing, zoom in on myself, allow my gaze to rest, wander, glide, allow myself to be looked at and close my eyes, listen, see images inside me. See my own seeing.

Tanzforum Berlin
Narkosis | Videoaufnahme vom 4.11.2017, Tanzforum Berlin

Narkosis Narkosis Narkosis Narkosis Narkosis Narkosis Narkosis

Forme Fruste Forme Fruste Narkosis Narkosis Rotating Canvas Chair Rotating Canvas Chair Narkosis

Idee und Umsetzung | Idea and Realisation Stimme | Voice Tanz | Dance Lichttechnik | Light Installation Produktion | Production
Moritz Majce + Sandra Man Christine Börsch-Supan Charlie Fouchier Martin Pilz, Andreas Harder Katharina Wallisch
Raumchor | Space Chorus

Ayam Am, Sasha Amaya, Zoé Alibert, Philipp Enders, Falk Grever, Katherine Gorsuch, Valérie Kommer, Julia B. Laperrière, Sonia Noya, Benjamin Pohlig, Susi Rosenbohm, Fausta Scarangella, André Uerba, Marie Zechiel

Video

Zoé Alibert, Irene Anglada Espadaler, Claire Bathgate-Petersen, Christine Börsch-Supan, João Cidade, Juan Corres Benito, Xenia Dwertmann, Philipp Enders, Charlie Fouchier, Maria Gorbunova, Katherine Gorsuch, Vanessa Gorsuch, Junko Iwahashi, Carolin Kipka, Valérie Kommer, Leyton Lachman, Nicole Michalla, Alba de Miguel, Susi Rosenbohm, Sylvana Seddig, Sami Similä, Young-Won Song, Maria Torrents, Sinja Völl, TingAn Ying, Flavia Zaganelli, Marie Zechiel

Eine Koproduktion von Moritz Majce + Sandra Man mit Open Spaces/Tanzfabrik Berlin.

Mit freundlicher Unterstützung des Hauptstadtkulturfonds Berlin (HKF) und der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA7).

Dank an Enrico L’Abbate und Nir Vidan für erste Versuche zu Blick und Tanz. An Lakeside Labs GmbH Klagenfurt für die Unterstützung
bei den Videoaufnahmen mit einer Drohne und an Franz Habich für die Steuerung. Dank auch an die Agrargemeinschaft Nachbarschaft
Söbriach in Kärnten / Koroška für den freundlichen Zugang zu einer ihrer Almen.

Übersetzung: Anna Galt

Produktionsassistenz: Rasmus Bell
Narkosis
Narkosis was shown from 2.–5.11. at Open Spaces Festival of Tanzfabrik Berlin.